15.05.2012 11:27

FACTORY-TALK

Technologisches Herzbluten

Walter Hanus, CEO des Technik-Consulters IVM, im Gespräch mit FACTORY über Schönwetter-IT, technologisches Herzbluten und Mogelpackungen in der Ausbildung.

Walter Hanus, CEO IVM
© IVM

Walter Hanus, CEO IVM Engineering: „80 Prozent aller Softwareprojekte basieren auf Schönwetterszenarien.“

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FACTORY: Sie sind seit 20 Jahren mit dem IVM-Campus auch in der Aus- und Weiterbildung von TechnikerInnen tätig. Warum ist es in Österreich so schwierig, genügend technischen Nachwuchs zu schaffen?  

Walter Hanus: Dafür gibt es mehrere Gründe. Einer davon liegt darin, dass die Bereitschaft zur Weiterbildung in Unternehmen zu wenig gefördert wird. Zweitens stimmt manches in der Ausbildung nicht – zum Beispiel bei IT-Absolventen: Nicht überall ist ein IT-Absolvent drinnen, wo es draufsteht. Heute muss man zudem neben seinen technischen Fähigkeiten auch Skills wie Teamfähigkeit, betriebswirtschaftliches Verständnis, Führungsfähigkeit und Netzwerkarbeit mitbringen.

Das sind doch Anforderungen die für Frauen reizvoll sein könnten?

Wir haben beim Thema „Frauen in der Technik“ die Hand am Puls. Unternehmen kommen zu uns, weil sie Technikerinnen suchen. Sie erkennen in vielen Punkten deren positiven Einfluss auf ihre Teams. Aber: Wir laufen den Frauen hinterher, während in Spanien etwa 30 bis 40 Prozent der Technischen Berufe von Frauen ausgeübt werden.

80 Prozent Ihrer Engineeringtätigkeit bei IVM liegt bei der IT, die restlichen 20 Prozent bei Konstruktion, Maschinenbau und Projektmanagement. Wo sehen sie den größten Bedarf?

Im Bereich der Ausbildung fehlt an HTLs derzeit noch Cloud Computing. Außerdem reden alle von Automotive, niemand aber von „Railmotive“. Wir haben in Österreich erfolgreiche Unternehmen im Bahnsektor, aber keinen Rail Cluster – und auch aus der Lehre kommt nichts. Die Leute müssen sich ihr Spezialwissen erst im Job erarbeiten. Dabei investiert die EU massiv in die Eisenbahn. Das wäre ein breites Betätigungsfeld für die Wirtschaft.

Ohne entsprechende Fachkräftemangel wird es aber nicht gehen!

Der Mangel an Fachleuten trifft sogar die Chinesen. Dort wird abgeworben was das Zeug hält. Gute Mitarbeiter erreichen bei der Bezahlung schon westliches Niveau. Das birgt auch sozialen Sprengstoff. In Europa müssen wir danach trachten, die Kernkompetenzen zu erhalten. Schon jetzt gibt es Anfragen für hochqualifizierte Entwicklerteams – aber wir finden die Leute nicht. Auf diese Weise gehen lukrative Aufträge dann nach Mexiko, Indien oder China – und damit ist das Projekt weg aus Europa.

Welche technischen Themen sehen Sie noch als Zukunftschance? Wie sieht es etwa mit der Nanotechnologie aus?

Wir wissen nicht, warum in der Nanotechnologie nicht mehr kommt. Es gibt hier keine großen Namen, vielleicht auch, weil Österreich als Nano-Standort schlecht verkauft wird.

Ein großes Thema ist „Ambient Assistant Living“, mit dem Handy als intelligentes Steuergerät. Als Österreicher blutet einem das Herz, da wir hier bekanntlich keine Entwicklung mehr haben. Das Schiebehandy, die Entwicklung der Displays, das alles kam aus Österreich. Ein weiterer großer Bereich ist die „Car to X“-Kommunikation, also Autos die sich untereinander, aber auch mit verschiedenen Leiststellen oder auch Menschen vernetzen und austauschen.

Wie können die KMU da mitmischen?

Als Überlebensstrategie gilt es hier, Know-how mit Partnern zu entwickeln und zu teilen. Das gilt auch für die industrielle Formgebung. Ein altes Thema, das jedes Jahr neu erfunden wird. Design und Usability werden immer wichtiger.

Stichwort Usability: Da gibt es bei Software auch noch viel zu tun ...

Tatsache ist: 80 Prozent aller Softwareprojekte basieren auf Schönwetterszenarien. Das Management der Unternehmen will sich oft betrügen lassen. Anstelle von Tests treten Schätzungen wodurch Fehler unentdeckt bleiben. Tester und Entwickler sind nur in der Theorie zwei unterschiedliche Menschen. Tatsache ist: Man spart am Dualitätsprinzip und der Entwickler testet sich selbst.

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