17.03.2010 11:00

Fabrik2010

Neue Wege gehen

Die Auftragsschwäche bietet auch Zeit, neue Möglichkeiten in der Fertigung auszukundschaften. FACTORY präsentiert Industriebetriebe, die jetzt ihre Produktion reorgani­sieren – und auch investieren.

Alfred Hutterer
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Alfred Hutterer, GF Trumpf Austria: „Anstelle der Volltaktung entschieden wir uns für ein kontinuierlich laufendes Montageband, das nur bei Bedarf steht.“

Otto Graf
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Infineon-Fertigungsleiter Otto Graf: Neue Roboter in der Beschickung der Produktionsanlage sollen die Produktivität um 30 Prozent erhöhen.

Maximilian Schubert
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Maximilian Schubert, Fraunhofer Austria: „Man muss seine Rennerprodukte identifizieren und unorthodoxe Wege in der Fertigung gehen.“

 

Investitionen fünfmal unter die Lupe nehmen: Das schade in diesen Zeiten nicht, sagen Experten. Auch Maximilian Schubert von Fraunhofer Austria ist ein Fürsprecher des sinnvollen Abwägens. Zugleich prangert der Produktions- und Logistikexperte die oftmals falschen Vorstellungen vom Begriff Wandlungs­fähigkeit in heimischen Unternehmen an: „Wandlungsfähigkeit klingt in den Ohren vieler Pro­duktionsleiter althergebracht und trivial, doch Betriebe dürfen es jetzt nicht versäumen, ihre Strukturen an volatile Marktgegebenheiten anzupassen“, sagt der Fachmann.

Da glauben Produktionsplaner weiterhin nicht an die eigenen Stärken, sondern Schwächen: „Nicht selten wird mit großen Sicherheitsbeständen gefertigt, weil die Fehlerquote eben immer hoch war“, moniert der Forscher. Eine Lösung erhoffe man sich mehrheitlich in Personalmaßnahmen – die aber oft zu kurz greifen: „Man muss seine Rennerprodukte identifizieren und unorthodoxe Wege in der Fertigung gehen“, mahnt Schubert ein. Wie etwa Infineon: Der Konzern senkt seine Fehlerquote mit dem neuen Roboter um weitere 0,5 Prozent.

Infineon.

10.000 Ladevorgänge muss der Luftmuskelroboter im Testlabor des Chipherstellers Infineon meistern – dann hat er den Dauerstresstest bestanden. Unter den strengen Augen der Villacher – eine Webcam filmt mit – muss sich der Helfer vor der Installation im Reinraum beweisen: „Wir wollen heuer fünf dieser Roboter in der Beschickung von Produktionsanlagen zur Herstellung von noch leitfähigeren Dünnstwafern einsetzen“, erzählt Produktionsleiter Otto Graf.

2008 entwarf man das neue Fertigungskonzept – die Krise nützte man schlau, um zusätzliche Kapazitäten abzustellen: „Wir holten fünf Instandhaltungsexperten ins Entwicklungsteam dazu“, sagt Graf. Ab März wird der Roboter erstmals als rechte Hand der Mitarbeiter in der Fertigung von 500 Produkten einspringen – und bei Vollausbau die Produktivität um 30 Prozent steigern. Graf: „Wir sind damit die einzigen Anbieter, die aus der Krise schnell ins Volumen gehen können.“

starlim//sterner: Intelligenter Auftragspuffer.

Beim Marchtrenker Spritzgussprofi starlim//sterner erzeugt man technische Formartikel aus Flüssigsilikon – vom Dichtungselement fürs Auto über Spritzenkolben bis zum Babyschnuller. Weil die 160 Spritzgussmaschinen viel beansprucht sind, „gehen fünf bis sieben Reparaturaufträge täglich an die eigene Werkzeugbauabteilung“, schildert Gerald Niederwimmer, Leitung Technologie und Entwicklung. Bisher mussten die Werkzeugbauer dafür je nach Dringlichkeit andere Aufträge unterbrechen – ein Seiltanz, der sich mitunter als halsbrecherisch erwies: „Das Image war angekratzt, wenn sich die Auslieferung der Teile verzögerte“, so Niederwimmer.

2008 reifte also die Idee, flexibler zu werden – die Investition in neue Senkerodiermaschinen und ein automatisiertes Handlingsystem mit Reinigungsstation wurde immer konkreter. 2009, als die Krise längst die Fertigungswelt im Klammergriff hielt, war die Geschäftsleitung schon vorsichtiger mit der 500.000-Euro-Investition: „Doch innerhalb von zwei Wochen hatten wir grünes Licht“, erinnert sich Niederwimmer. Mit der Automatisierungslösung können Aufträge im Werkzeugbau nun gepuffert werden. „Kommt ein wichtiger Reparaturauftrag herein, unterbricht man den aktuellen Auftrag ohne abzuspannen – und auch die Einstellungen gehen nicht verloren“, so Niederwimmer. Das Auslastungsloch nutzte man dazu, 14 Mitarbeiter auf dem neuen Gerät fit zu machen. Heute erledigen sie mehr Programmierarbeit: „Wir wollten mit dem Klischee aufräumen, dass im Werkzeugbau immer ein Mitarbeiter an der Maschine stehen muss“, so Niederwimmer.

Fünf Erodiermaschinen können an das Handlingsystem angebunden werden. Und was, wenn sich die Auftragslage verschlechtern sollte? Niederwimmer: „Wir können auch Fräsmaschinen anbinden – das System lässt alle Möglichkeiten offen.“

Trumpf Austria: Montageband ohne Stillstand.

Stellräder innovativ drehen – das ist auch die Strategie von Trumpf-Aus­tria-Geschäftsführer Alfred Hutterer, um Krisen unbeschadet zu durchstehen. Wie schon 1991 reduzierte man 2008 nicht die Entwicklungsausgaben, sondern investierte einen sechsstelligen Eurobetrag in eine neue Technologie. Während man bei den hydraulischen Abkantpressen auf eine vollgetaktete Produktionslinie setzt, geht man bei der Montage der jüngsten Serie elektrischer Maschinen neue Wege: „Wir entschieden uns auch wegen der großen Erwartungshaltung in unser Produkt für ein kontinuierlich laufendes Montageband, das nur bei Bedarf steht“, erklärt Hutterer.

Die auf dem sieben Meter langen Kunststoffmodulband werkenden Mitarbeiter – sie bringen Hinteranschläge und Bremsen, aber auch Schaltschränke an – rücken mit den Maschinen Zentimeter für Zentimeter in Richtung Verladekran vor. „In Summe sind wir damit schneller und mit besserer Qualität am Ziel“, vergleicht Hutterer die Montageweise mit dem Tempomat im Auto. Taktbetrieb bei den reißenden Absatz findenden E-Maschinen fährt man derzeit nur, wenn etwa spezielle Lasereinrichtungen montiert werden – oder es Verzögerungen gibt. Sollte die Nachfrage unerwartet einbrechen, weiß Hutterer jedenfalls schon, was zu tun wäre: Die Geschwindigkeit des Bands gleich belassen und eine Position nicht besetzen, das machen die Automobilbauer seit Jahren eindrucksvoll vor. 

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